Zum Inhalt springen

Ich will Mammuts!

13. Juni 2011

Manchmal ist es an der Zeit, den Labrador mal Labrador sein zu lassen, die Tür hinter ihm zu schließen und einfach wieder am hundefreien Leben teil zu haben. Das habe ich eigentlich als stressfreie Zone ohne größere Tücken in Erinnerung. Wenn ich dann wieder an diesem hundelosen Alltag ankomme fällt mir wie Schuppen von den Augen, soviel ruhiger ist das auch nicht! Da draussen gibt es schöne Flecken, die es wert sind besucht zu werden. Es gibt ganz viele tolle Dinge die getan werden können. Es gibt so viele Abenteuer die auf uns Menschen warten. Und es gibt schwarze Löcher. Schwarze Löcher die meine von Grund auf gute Laune in ähnlicher Geschwindigkeit verschlingen wie Tari 500 g Trockenfutter. Nein, nicht etwas von der Reaktoranlage in Fukushima ist hier die Rede, sondern von einer Einrichtung, die der Mensch Supermarkt nennt.

Dank meines ruhigen ausgeglichenen Charakters und meiner höchst umgänglichen Art, gibt es wenig Dinge die mich rasend machen. Doch gewisse, immer wiederkehrende Vorfälle speziell an und um die Supermärkte dieser Welt treiben mich ansatzlos in die Zwangsjacke. Was dem Steinzeitmenschen seine Mammutjagd war, ist für den modernen Menschen der Besuch im Einkaufsparadies. Die Mammutjagd war sicherlich mit Abstand ungefährlicher. Zumindest für das Nervenkostüm. Im Laufe der Zeit hat sich aber die Vorgehensweise der Menschen bei der Jagd nach Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgütern des Alltags extrem verändert. Früher blieben die Frauen in den Höhlen, um das Feuer zu bewachen während die Männer loszogen, um das Großwild mit Speer und Bogen zu erlegen.  Heute ist es vielmehr so, das sich auch Frauen in großer Zahl an der Jagd beteiligen. Vor allem dann, wenn es auch noch Schuhe oder Taschen zu erbeuten gibt. Das tut aber jetzt eigentlich nichts zur Sache.

Meine Frau und ich haben die stillschweigende Übereinkunft getroffen, uns beim Supermarktbesuch abzuwechseln. Was im Klartext heißt: jede zweite Woche bewaffne ich mich mit Einkaufsliste und EC Karte, schultere meine Einkaufstüte – ich hätte viel lieber einen Bogen- und ziehe los in die Neonlicht beschienenen Jagdgründe. Dort angekommen, bricht in schöner Regelmäßigkeit das Schicksal über mich herein. Und jetzt wage sich niemand das Ganze mit: „wir bestimmen unser Schicksal selber“ zu kommentieren.

Anfangs war ich noch der Meinung, die Unwegsamkeiten von langen Schlangen an der Kasse, bis zu Einkaufswagen in den Hacken wären reiner Zufall. Aber irgendwann fing ich an, dieses Phänomen  fundiert auszuwerten. Pedantisch wie ich nunmal bin, erstellte ich deshalb eine Liste mit möglichen Ereignissen, die mich während des Einkaufens in den Wahnsinn treiben könnten.

Die Liste wurde gewissenhaft geführt und was soll ich sagen, bei zwei von drei Einkaufstouren schlägt mindestens eines, wenn nicht mehrere solcher Ereignisse gnadenlos zu. Ich will euch jetzt nicht mit langen wissenschaftlichen Ausführen quälen, sondern eher ein paar praktische Beispiele anführen:

1. Der Aufdringliche

Gerade Samstag erst wieder passiert. Ich stehe in der Schlange an der Kasse: Vor mir Familie „Cro-Mangon“, die wild diskutierend und gestikulierend die Einkäufe aufs Band wuchtet und nebenbei die Schnapsfläschchen in der Kassenauslage plündert. Plötzlich stellen sie mit Entsetzen fest, das ihnen 2,59 € fehlen um den ganzen Mist zu bezahlen. Hinter mir, eine freundliche alte Dame, die in bester Mutter Theresa-Manier einen Mann mit nur einem Artikel vorlässt. Genau der ist das Problem, denn der gute Mann der äußerlich in der Steinzeit stehen geblieben ist, kennt keine Grenzen. Er schiebt sich an der Rentnerin vorbei und verschafft sich mittels eines gekonnten Griffs Platz auf dem Kassenband für seinen einen ach so wichtigen Artikel, eine Dose Fischfilet in Tomatensauce. Einfach gesprochen, er schiebt meine Sachen beherzt ein Stück nach vorne, was meinen Geschichtsausdruck von „fast noch gelassen“ in „Achtung Alarmstufe Gelb“ verändert. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, stellt er sich so dicht hinter mich das ich seinen Atem und andere Dinge im Nacken spüren kann. Ich stehe also da, vor mir die Familie die sich immer noch nicht einig ist was nun vom Band genommen werden soll. Die mit Hilfe von Grunz- und Knurrlauten geführte Diskussion kann noch eine Weile dauern. Hinter mir drängt der „Grenzenlose“ sich immer mehr ran, und ich erwarte das er jeden Augenblick beginnt sich rituell an mir zu reiben. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Mr.Spock gerade zu Captain Kirk sagen, “Das ist ein Angriff Jim, Alarmstufe rot“  Nervenaufreibender kann die Mammutjagd auch nicht gewesen sein. Mit einem beherzten „ Könnten sich mal einen Schritt zurückgehen“ versuche ich die Situation zu entschärfen. Allerdings reagiert der „Aufdringliche“ nicht wirklich auf meine Ansage, er schaut nur recht verständnislos in die Weltgeschichte. Das sind die Augenblicke in denen ich Darwin zuschreien möchte: „Warum ist dieser Teil unserer Spezies immer noch lebensfähig, so ganz ohne Hirn“ Die Möglichkeit jetzt einfach aus der Schlange zu treten und die Jagdbeute zurückzulassen, ist keine Option. Meine Frau würde wohl kein Verständnis aufbringen, wenn sie aufgrund meiner Nervenschwäche verhungern müsste. Wenigstens das ist uns von der Steinzeit geblieben. Während ich verzweifelt gegen das Bild in meinem Kopf ankämpfe, in dem meine Frau mich mit einer Keule zurechtweist weil ich ohne Beute zurückgekehrt bin, entspannt sich die Situation langsam. Die Familie vor mir ist endlich zu einer Übereinkunft gekommen. Nudeln für 99 Cent,und eine kleine Packung Kondome sollen zurück bleiben. Beim Anblick der Leutchen wünsche ich mir, sie hätten die Kondome doch mitgenommen. Ich überlege kurz Ihnen mit ein paar Münzen für die Packung auszuhelfen. Das Vorhaben verwerfe ich aber schnell wieder, da mir klar wird das ich ihnen keine sozialverträgliche Begründung meines Handelns liefern kann. Das ganze hitzige Gespräch hat nicht mal Todesopfer gefordert, es lebe die Evolution.

Diese Kombination aus Kassendiskutierer, freundlicher Rentnerin und dem Aufdringlichen tritt in der Regel bei jedem fünften Einkauf auf.

2. Moderne Technik

Ich gehöre neben der Randgruppe der Hundebesitzer, auch noch zu der aussterbenden Rasse der Raucher. Okay, wir sind wohl an unserem Aussterben nicht ganz unschuldig. So bietet der Supermarkt heutzutage einige Tücken um uns daran zu hindern an unsere Suchtmittel zu kommen. Wenn ich da so einige Jahre zurück denke, da gab es an der Kasse ein Regal, in dem die verschiedenen Marken völlig frei aufgereiht waren, und der Zugriff darauf sehr einfach war. Das muss sich ungefähr zu der Zeit geändert haben, als die künstlerisch wertvollen Packungen mit Warnhinweisen wie „Raucher sterben früher“ verziert wurden. Als erste Hürde wurden die Regale damals mit Rollgittern versehen. Anfangs dachte ich noch, das wurde angebracht um Diebstähle zu minimieren. Weit gefehlt! Die Gitter wurden angebracht um Menschen wie mich aus dem Genpool auszusondern, in dem man uns in den Wahnsinn treibt. Eigentlich eine effektive Methode um Raucher los zu werden. Diese Rollgitter hatten zwei Zustände, klemmen oder abgeschlossen. In der Zeit die man damit verbrachte entweder die Kassiererin zu bitten das Gitter aufzusperren oder versuchte das klemmende Gitter zu öffnen, schob sich mit Sicherheit ein Zeitgenosse der Kategorie „aufdringlich“ hinter einen. Dieser begutachtete dann deine Anstrengungen aus nächster Nähe, oder begann wahlweise mit seinem rituellen Tanz. Als ob das nicht schon perfide genug war, wurden die Gitterkästen in den letzten Jahren durch Hightec Automaten mit Touchbedienungsfeldern ausgetauscht. Diese Geräte haben sogar schon integrierte Warnfelder, die farblich in Form einer Ampel gehalten sind und die da heißen „Grün-bitte Sorte wählen“ „Gelb-Andere Marke wählen“ und „Rot-Kassiererin fragen“. Ganz ehrlich, ich bin mir nicht sicher ob hinter dem grünen Feld überhaupt eine Leuchtdiode angebracht wurde. Ich habe die Farbe definitiv bei 100 Prozent meiner Einkäufe noch nicht aufleuchten sehen.

Eine weitere höchst fragwürdige technische Errungenschaft sind die Rückgabeautomaten für Pfandflaschen. Wie lobe ich mir da die gute alte Zeit, als man am Supermarktlager klingelte und eine der dort beschäftigten Damen, mehr oder weniger gut gelaunt dein Leergut in Empfang nahm. Sie überreichte dir einen Pfandzettel der an der Kasse aufgerechnet wurde, alles perfekt. Zu perfekt, denn das kann und muss doch auch komplizierter gehen. Tut es auch, ich schaffe die Klingel ab und stelle einen Automaten auf, der die Flaschen aufnimmt, abscannt und zu 50% wieder ausspuckt. Vorzugsweise mit dem sinnigen Spruch auf seinem grinsenden Display „ Flasche nicht erkannt“. Dann versuch doch mal dieser Höllenmaschine zu erklären das die Flasche mit Sicherheit eine Pfandflasche ist, und auch sogar hier gekauft wurde und du jetzt gerne deinen Pfandbeleg hättest.. Keine Chance. Verzweifelt suche ich die Klingel in der Nähe dieses nutzlosen Haufens Blech, Plastik und Kabel. Wenn überhaupt vorhanden und funktionsfähig ruft diese Klingel eine mehr oder minder gut gelaunte Angestellte auf den Plan, die mir dann einen Pfandzettel manuell ausdruckt. Sie merken es sicher schon.. Ich stelle die Lebensberechtigung eines solchen Automaten in Frage. Laut Darwin dürfte der wegen fehlender Funktionalität gar nicht existieren. Rotglühend vor Zorn stehe ich vor diesem hinterlistig grinsenden fahl leuchtendem Display und frage mich allen ernstes warum auf Pfandflaschen nicht auch ein Aufdruck wie „Flaschenzurückgeber sterben früher“ angebracht wird.

3. Der stetige Wandel

Nichts ist so beständig wie der Wandel, das stimmt, das unterschreibe ich auch voll. Aber warum um alles in der Welt muss es auch beim Einkaufen so sein? Ich stelle jetzt hier nicht die wöchentlich wechselnden Angebote in Frage, sondern diese Sache die sich Marktgestaltung nennt. Wenn der Steinzeitmensch unseres Vertrauens früher loszog um in seinen Jagdgründen nach Mammuts zu suchen, dann wußte er genau wo die Stellen waren an denen er erfolgreich jagen konnte. Wo die besten Beeren wuchsen war ihm ebenfalls klar. Er kannte sein Revier in und auswendig. Und keiner wäre auf die Idee gekommen, nach neusten Regeln der Einkaufspsychologie eine Umgestaltung der Bereiche vorzunehmen. Wozu auch? Heute ist das natürlich anders. Wir gehen ja mit der Zeit. Mit schöner Regelmässigkeit wird der Markt umgestaltet. Aber auf keinen Fall so, das die Angebote thematisch in irgend einem Bezug stehen, nein wohl eher nach den Grundsätzen „wie halte ich einen verzweifelnden Mann lange genug im Supermark fest, damit er aus purer Hilflosigkeit einfach irgendwas in seinen Einkaufswagen wirft“ . Was genau, liebe Supermarktplaner ist die Logik hinter dem Gedanken Getränke zwischen die Putzmittel zu platzieren, und Eier im Markt so gut zu verstecken das Man(n) schon einen Fährtenhund mitbringen muss um diese aufzuspüren. Sein Pech das Hunde im Supermarkt in der Regel nicht erwünscht sind. Und anders als im Straßenverkehr wo Man(n) sich weigert nach dem Weg zu fragen, würde ich es ja im Supermarkt gerne tun. Aber es gehört wohl auch zu der Verkaufstaktik das das Personal angewiesen wird, verzweifelnd suchenden Kunden aus dem Weg zu gehen. Damit wird gewährleistet das diese nicht auf direktem Weg zur gewünschten Ware gelangen, sondern immer wieder alle Regale ablaufen müssen. Nur um dann mit Entsetzen feststellen zu müssen.. Ja klar die Eier stehen direkt am Eingang neben den Blumenvasen, dem Ökoregal und der Tschibo Billigware.. Ist doch logisch platziert oder?  Wenn wir doch schon so mit Zeit gehen, und sinnlose Automaten aufstellen, warum nicht auch gleich sprechende mit GPS ausgestattete Einkaufswagen. Diese Dinger könnten einem dann ganz genau erklären wo die Eier versteckt sind, und in welchem der Regale der Kaffee zu finden ist. Ich denke aber, auf sowas dürfen wir noch sehr lange warten. Es schmälert ja die Möglichkeit das ein Kunde am Rande des Nervenzusammenbruchs vielleicht doch noch eine Packung Kondome mitnimmt, weil er gerade am Regal vorbeikommt. Nur um dann an der Kasse festzustellen das er 2,59 € zu wenig dabei hat.

Wenn all diese Faktoren so wie letzten Samstag geschehen, zusammentreffen, möchte ich am liebsten meine bequemen Jeans gegen ein Fellbeinkleid wechseln, mein Smartphone in einen Bogen verwandeln und meiner Frau beim Verlassen der Höhle zugrunzen „Ich gehe uns ein Mammut schießen, halt das Feuer am Laufen!“

From → Alltags-Tücken

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: