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Englishman in New York….

12. Januar 2012

„I´m an alien, I´m a legal alien..“ sang Sting in seinem oben genannten Song, und bisher habe ich den Sinn zwar erfaßt, aber selten die Möglichkeit gehabt so etwas am eigenen Leib zu erleben. Bis zum letzten Wochenende. Ich war auf einem Ball, um genauer zu sagen auf einem Faschingsball. Um ganz genau zu sein auf dem Krönungsball einer Faschingsgilde. Was hat mich dorthin verschlagen werdet ihr euch jetzt fragen? Nun nein, es war nicht meine ach so große Begeisterung für närrische Veranstaltungen jeder Art, es handelte sich vielmehr um unterstützende Maßnahmen. Und ich möchte auch noch mal betonen ich würde es jederzeit wieder tun. Auch wenn ich ein bekennender Faschingsmuffel bin.

Lange Rede kurzer Sinn, meine Frau und ich warfen uns in Abendgarderobe und besuchten diesen Ball. Ich habe in meinem Leben ja schon die ein oder andere förmliche Festivität erlebt, und glaube zu wissen, was da auf mich zu kommen würde. Wie ihr merken werdet, ich war einmal mehr naiv. Schon beim Einlaß hätte ich  stutzig werden sollen als uns mehr oder weniger freundliche Damen und Herren in blauen Samtumhängen den Weg wiesen. Zu allem Überfluß waren diese modisch entgleisten Umhänge auch noch mit einem schicken Motiv versehen. Auf den ersten Blick sah es aus als hätte man den Kopf von Till Eulenspiegel auf einem Pfahl aufgepflanzt. Ah dachte ich, wie makaber und witzig… .Das verspricht nett zu werden.  Auf den zweiten Blick entpuppte sich das ganz aber dann als „närrisches Zepter“ und hatte wenig mit Aufpflanzen zu tun sondern ist das Wahrzeichen dieses Vereins. Helau sag ich da nur. Der Saal war prunkvoll dekoriert. Der Willkommenstrunk schmeckte annehmbar, und wir hatten sehr gute Plätze, gleich an der Tanzfläche links. Ein ganz wichtiger Fakt, es gab Aperol-Spritz. Hurra, rein damit dachte ich so bei mir. Übrigens setzte sich die Verwendung des gepfählten Tills quasi als Coporate Identity konsequent den ganzen Abend weiter fort, sei es als Bühnenschmuck, oder Orden oder eben als Aufnäher auf so ziemlich jedem Kleidungsstück. Böse Zungen behaupten, Mitglieder des „Elferrates“ tragen es sogar auf gewissen Körperteilen tätowiert.

Ich habe eben bereits einen Fachausdruck fallen lassen, nein nicht CI, sondern Elferrat. Was das ist, ich habe keine Ahnung.. Mir als uneingeweihtem stellte sich das so dar, das dieser Rat aus 11 Menschen besteht, deren vordringlichste Aufgabe es ist Umhänge und Orden zu tragen, zu grinsen, und wie wild mechanisch ins Publikum zu winken. Obwohl Publikum der falsche Begriff ist wie ich im weiteren Verlauf lernen sollte, wir waren der Hofstaat. Sozusagen das Volk auf den billigen Plätzen. Das war ja eigentlich auch ganz logisch, wir trugen auch keine Umhänge.

Ich hatte mir einen solchen Ball irgendwie vorgestellt wie bei der schönen antiken Fernsehsendung aus meiner Jugendzeit: Mainz bleibt Mainz ..wie es singt und lacht. Da kann ich mich eigentlich auch nur noch an den Eulenspiegel so richtig erinnern, der hatte seinen Kopf aber auch auf den Schultern. Nunja, Büttenreden gab es keine, dafür gabs Ansprachen. Und davon eine ganze Menge. Was mir nicht bewußt war, so ein Verein hat ja auch Präsidenten. Erste, zweite und ich glaube auch verschiedene dritte. Und die hauptsächliche Aufgabe solcher Präsidenten ergibt sich aus der Nummer vor dem „Präsident“. Der 1. durfte die tollen Sachen machen, den Abend eröffnen, und Walzer tanzen mit ausgewählten Damen des Hofstaates. Ein weiteres Privileg war wohl, das er von der Umhangpflicht befreit war, dafür hatte er den Gepfählten gleich auf seinem schicken Gehrock. Der 2. hatte schon weniger glorreiche Aufgaben, er durfte gequält witzige Kommentare abgeben, mehr oder weniger attraktive Damen umarmen und bündelweise Blumen überreichen. Die 3. durften maximal ein paar Orden zureichen die die Prinzenpaare verteilen konnten.

Organisiert war das ganze wie am Hofe Ludwigs XIV. Ein strenges Hofzeremoniell beherrschte die Szenerie. Alles war minutiös durchdacht. Hofmarschälle führten gekonnt durch die Vorstellung der einzelnen Garden (Leider sind mir die Auflistungen der vielen Namen entfallen) und der Prinzenpaare. Stets in gekonntem Befehlston und mit eiserner Faust. Dem alten Louis hätte das sicher zugesagt. Auch die Bühne verbreitete durchaus einen Hauch von Versailles. Während der Zeremonien gab der 2. Präsident gerne oder vielleicht auch ungewollt den Hofnarren. Er war, soweit ich mich erinnere auch zuständig für die Übergabe der „Insignien der Macht“. Nun diese Übergabe funktionierte teilweise nur suboptimal, mal waren die närrischen Kronjuwelen schlichtweg verschollen, mal glänzten diese durch die Tücke des Objekts. Es paßte auf alle Fälle zum Gesamtbild. Tief in meine Erinnerung hat sich der „Gardemarsch“ gegraben. Das, liebe Mit-Unwissende ist die Melodie zu der mal mehr mal weniger schlanke junge Damen paarweise im gekonnten Halbstechschritt über die große Tanzfläche liefen und den ein oder anderen Ehrengast auf die Bühne geleiteten. In den Gesichtern der einzelnen Ehrengäste war des häufigeren abzulesen, die dächten sie wären auf dem Weg zum Schafott. (Klar, so ein Tillkopf hält ja auch nicht die ganze Faschingssaison). Aber anstatt öffentlicher Enthauptung gabs bereits erwähnte Orden. Und davon reichlich. Jeder Ehrengast bekam natürlich einen, stets für das ein oder andere Engagement im Vorfeld des bunten Treibens, sei es für die Damen Schneiderlein, oder Tanzlehrer, für die Herren von der Presse und sogar für den Bürgermeister. Der bedankte sich auch gleich mit einer Rede, die nur Eingeweihte verstanden. Mir erschloß sich der Sinn nicht so ganz. Im Gedächtnis blieb mir allerdings: „Man könne ihn jederzeit anrufen“ Das nenne ich vorbildliche Bürgernähe, Herr Meister! „0800-Call-a-bayrischen-Bürgermeister.com“

Apropos Denglisch, das wurde bei diesem fast volkstümlich anmutenden Abend beinahe komplett ausgelassen. Nur der Herr Präsident mit der Startnummer 1 schoß für mich den persönlichen Denglisch Vogel 2012 ab. Und dabei ist es erst Anfang Januar. Der gute Mann hielt eine mitreissende Rede (zumindest nach dem dritten Aperol klang sie so) über den Führungswechsel in der Prinzengarde. Soweit ich es verstanden habe, wurde der Gardemajor (weiblich) durch einen neuen Gardemajor (auch weiblich) ersetzt. Der Herr Präsident titulierte die junge Dame mit „Gardemäytscher“, wahrscheinlich in Anlehnung an „Major Tom“ Der Herr Präsi wirkte wie „a Bavarian in New York“. Naja, wo die Amerikaner ihre Cheerleader haben, haben wir halt unsere Faschingsgarde. Nur echt mit buntem Dreispitz.

Bei der Wachablöse der lustigen Gardemädels wurde übrigens auch eine Kordel an den neuen Gardemäytscher überreicht. Ich hoffe nicht das diese dafür gedacht ist sich selbst oder nicht parierende Gardinen (Sagt man das so?) an besagter Kordel aufzuknüpfen. Das wäre absolut ein Bruch der CI.

Musik wurde auch gemacht, von einer fetzigen Band mit lustigem englischen Namen, der irgendwas mit den Rolling Stones zu tun hatte. Ich glaube es war Jumpin Jake Flash oder so.  Die legten mal richtig los, als hätten sie später noch einen Auftritt bei DSDS. Zumindest für den Gesang hätte ihnen der Kollege Bohlen wohl einen gar illustren verbalen Einlauf verpaßt. Das Repertoire der Band war umfassend, von 80er Jahre Bayern-Schmuse-Rock ala *hier Münchner U-Bahnstation einsetzen* bis zu althergebrachten Schlagern, zurück zu Hippie Hymnen aus den 60ern. Speziell bei den letzteren fiel mir auf, dazu wurde ja zu besagter Zeit in Kaftan oder nackt, und versetzt mit nem Haufen Pott ausserkörperliche Erfahrungen gemacht. Heutzutage wird dazu Disco-Fox getanzt. Naja, die 68er habens weit gebracht. Gratuliere. Bei den Tanzpaaren gab es wie fast überall auf solchen Festivitäten zwei Kategorien zu bestaunen. Zum ersten, die „auf der Stelle Tanzer“. Diese Spezies versucht innerhalb eines Radius von der Größe eines Untertellers, alle Schritte zur Schau zu stellen die sie irgendwann einmal gelernt haben. Zum zweiten gibt es da die „Komplette Raum Ausnutzer“. Das sind die Tänzer die am besten mit Fernlicht und Blinkanlage ausgestattet eben die komplette Tanzfläche nutzen wie eine Autobahn, inklusive Rechts überholen.

Zum Abschluss des Abends zogen wir uns noch in den obligatorischen Barbereich zurück um die Veranstaltung würdig ausklingen zu lassen. Ich für meinen Teil fuhr nach Hause mit dem Wissen eine Menge neues gelernt zu haben.

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From → Alltags-Tücken

One Comment
  1. Bei so einer Veranstaltung hat ja wirklich nur noch Dein Hund gefehlt :-). Liebe Grüße

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